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Präzision en Miniature - Es sind wohl kaum der entfallende Batteriewechsel oder das Fehlen elektromagnetischer Schwingungen allein, welche mechanische Uhren so beliebt machen. Eine edle mechanische Uhr am Handgelenk ist auch mehr als nur Lifestyle oder Status. Oft ist es die unvorstellbare feinmechanische Präzision, die hinter der Faszination für die winzigen Zeitmaschinen steht. Bei mir geschah es in der Ausbildung: Eine gute Freundin trug eine weißgoldene Rolex und erzählte beiläufig, die wäre schon einmal von der Fensterbank auf die Straße gefallen und heil geblieben. Da sah ich mir die Uhr genauer an und wunderte mich über den sich fließend bewegenden Sekundenzeiger: „Der ruhelose Sekundenzeiger ist ein Patent von Rolex“ erfuhr ich damals – doch das Redakteursblut in meinen Adern ließ mich diese (falsche) Behauptung hinterfragen… Das Uhrwerk Der Motor einer mechanischen Uhr ist das Handaufzugs- oder Automatikwerk. Eine Automatikuhr wird meist durch einen Rotor hinter dem Uhrwerk aufgezogen. Die so erzeugte Gangreserve überbrückt einen oder mehrere Tage (maximal eine Woche), in denen man die Uhr nicht zu tragen bzw. aufzuziehen braucht. Der Sekundenzeiger jeder mechanischen Uhr ist mit der sogenannten Unruh gekoppelt. Dieses kleine Rädchen bremst als Herz der Uhr die Energie der Aufzugsfeder gewöhnlich auf 18.000 (Handaufzugswerk) bis 28.800 (Automatikwerk) Schwingungen pro Minute herunter. Es gibt auch Uhren mit 36.000 Schwingungen pro Minute (mit Graphit-Trockenschmierung). Je höher die Schwingungszahl, umso genauer die Uhr, zumindest theoretisch. Besonders genaue Uhren werden in mehreren Lagen geprüft und justiert, ein Chronometerzeugnis bescheinigt exzellenten mechanischen Uhren ihre Ganggenauigkeit. Bei mechanischen Uhrwerken gibt es große Qualitätsunterschiede. Schweizer Werke haben nicht umsonst einen besseren Ruf als bestimmte Billigwerke aus Fernost. Zuverlässigkeit bieten auch Uhrwerke deutscher oder japanischer Herstellung, bisweilen auch russische Werke, die teils auf alten Schweizer Maschinen gefertigt werden, die in der Zeit des Quarz-Booms nach Russland verkauft wurden. Die Qualitätsunterschiede liegen in den Details. Selbst in der Schweiz und in Deutschland greifen fast alle Hersteller bei sensiblen Teilen einer Uhr auf bestimmte Zulieferer zurück. Es ist gar nicht so einfach, eine Unruhspirale oder eine Stoßsicherung mit geringsten Toleranzen preiswert zu fertigen. Wirkliche Uhrenkenner geben sich selten mit der reinen Zeitangabe zufrieden, ganz gleich wie genau sie auch ist - oder auch ungenau, denn eine mechanische Uhr trägt man nicht wegen der Genauigkeit. Aus dem Motorsport kommt sicher die weit verbreitete Faszination für Chronographen. Dort ist eine Stoppuhrfunktion in das Werk integriert oder als zweites Uhrwerk – als sogenanntes Modul – aufgesetzt. Kommt nun noch eine Kalenderfunktion, bzw. Kalenderkomplikation hinzu, wie der Uhrenkenner sagt, so benötigt man bereits ein recht dickes Werk oder ein bis zwei Zusatzmodule. Solch eine komplizierte Uhr hat immerhin rund 250 Einzelteile. So lassen sich die bisweilen immensen Gehäusedimensionen einer mechanischen Uhr zumindest teilweise erklären, doch manche Uhr ist heutzutage aus Designgründen wesentlich dicker, als nötig. Komplikationen Es gibt eine ganze Reihe weiterer Komplikationen, beispielsweise mechanische Wecker, bei denen ein kleines Hämmerchen den Gehäuseboden in mehr oder weniger laute Schwingungen versetzt. So mancher Weckton ist durch einen doppelten Resonanzboden so laut, dass man selbst im Nachtzug nicht verschläft. Interessant ist auch die immens aufwändige Minutenrepetition. Hier läuft nach dem Betätigen eines kleinen Hebels eine Art Spieluhr ab, welche gleich einer Kirchturmuhr am Handgelenk die Zeit durch winzige Glockenschläge verkündet. Eine ganz besondere Konstruktion ist das Tourbillon. Hier regelt die Unruhe die Zeit in einem sich permanent drehenden Käfig, der die Gravitationseinflüsse zumindest teilweise kompensiert. So erhöht sich die Ganggenauigkeit einer am Handgelenk getragenen Uhr auf eine ausgeklügelte und nett anzuschauende Weise. Die Möglichkeiten mechanischer Uhrwerke steigen, die Verbreitung komplizierter Werke nicht unbedingt. Aufwändige Komplikationen lassen sich nur in teurer Handarbeit fertigen und wirklich fähige Uhrmacher sind rar. So wundert es nicht, dass selbst große Marken bisweilen nur ein Großserien-kompatibles Standardprogramm liefern. Verarbeitung Zum Gehäusebau gehört eine ganze Menge Know-How. So entscheidet nicht nur die Materialauswahl über Wert und Robustheit einer Uhr, sondern auch die Verarbeitung. Bei Stahluhren hat sich als Rohstoff die beispielsweise auch für Essbestecke und chirugische Bestecke verwendete Stahlsorte 316 L durchgesetzt, da diese aufgrund ihrer minimalen Nickelabsonderung in den seltensten Fällen zu allergischen Reaktionen führt. Sicherer vor allergischen Reaktionen ist man bei dem leichten Titan, dem edlen Platin und den meisten hochwertigen Goldlegierungen, wobei Weißgold durchaus auch Nickel enthalten kann. Wichtig für die Robustheit der Uhr ist auch der Gehäuseaufbau. Bei preiswerten Uhren ist der Boden (mit Dichtung) eingedrückt, bei hochwertigen Uhren besitzen Uhrgehäuse und Gehäuseboden Gewinde oder der Boden wird mit kleinen Schrauben aufgeschraubt. Wirklich wasserdicht wird eine Uhr erst mit verschraubter Krone. Es gibt sogar Chronographen mit verschraubten Drückern für höchste Robustheit. Beim Glas gibt es neben dem üblicherweise verwandten teils sogar gehärteten Mineralglas auch das kratzfeste Saphirglas sowie das schlagfeste Plexiglas. Beschichtungen zur Glasentspiegelung werden je nach Uhrenmarke meist innen und auch beidseitig (instrumentelle Uhren) aufgetragen. Kaufberatung Wer seine Uhr täglich trägt, braucht eine robuste Automatikuhr, wer Spaß an Zusatzfunktionen hat, sollte seine Uhr pfleglich behandeln. Insbesondere bei der Alltagsuhr ist der Tragekomfort mindestens genauso ausschlaggebend wie die Technik des Uhrwerkes, meist trägt sich ein Lederband angenehmer als ein Metallband. Für die Uhr selbst gilt: Stahl ist robuster als Gold und soll eine Uhr aufpoliert werden, sind markante Formen und filigran gravierte Lünetten oft ein Hindernis. Ebenfalls wichtig ist die Frage nach der richtigen Marke, es sei denn, dem Käufer ist jedes Statusdenken fremd. Während einige Premium-Marken einen großen Bekanntheitsgrad haben, gibt es für echte Uhren-Gourmets auch Luxusmarken, die eigene Uhrwerke fertigen. Je größer die Fertigungstiefe, umso anerkannter die Manufaktur. Daneben gibt es auch Geheimtipps mit einer gelungenen Kombination aus robuster Grosserientechnik und gutem Design. Bekannte Marken sind bei Uhrenfreunden nicht immer hoch angesehen, oft gibt es unter Freaks eine völlig andere Rangfolge als die Verkaufsstatistiken vermuten lassen. Am meisten Spaß macht es sicherlich, einen gerade angesagten Geheimtipp zu tragen. Gute Uhren bleiben im Allgemeinen recht wertstabil. Man sollte sich vor dem Kauf seiner Lieblingsuhr jedoch darüber im Klaren sein, dass man oft nur für das Leadermodell einer bekannten Marken Käufer zu einem höheren Preis finden wird, falls man später eine gebrauchte Uhr wieder veräußern möchte. Sammler legen ihre Uhren oft ungetragen in den Safe, um Wertsteigerungen zu erzielen. Die Preisspanne mechanischer Uhren reicht hinauf bis hin zu fünf- und gar sechsstelligen Beträgen. Gute mechanische Gebrauchsuhren beginnen bei 500 Euro, Uhren mit ewigen Kalendern oder anderen exquisiten Komplikationen landen auch schnell einmal in Regionen um 50.000 Euro. Goldausführungen kosten bei bekannten Marken mindestens 5.000 € Aufpreis, doch auch eine Stahluhr kann schon mit 10.000 € oder mehr zu Buche schlagen. Eigentlich braucht niemand mehr als zwei gute Uhren, eine robuste Automatikuhr für den Alltag und eine edle Handaufzuguhr für ganz besondere Anlässe. Und doch macht es Spaß, ein paar Uhren mehr zu besitzen… René Roland Katterwe
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